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”Daß in [der] deutschen Sprache wieder die größte Schönheit, Genauigkeit, Art, Geist, Tiefe und Wahrheit geschrieben wird”

(Ingeborg Bachmann (1926-1973) über Thomas Bernhard)

 

 

Eine Gegenüberstellung der Schriftsteller Thomas Bernhard (1931 -1989, Österreich) und Knut Hamsun (1859-1952, Norwegen)

Einleitung:

Warum sollte man die Arbeiten des Schriftstellers Knut Hamsun aus Norwegen mit denen des Schriftstellers Thomas Bernhard aus Österreich vergleichen? Diese Frage stellte sich mir. Im nächsten Jahr (2019) jährt sich der Todestag von T. Bernhard zum 30. Mal. Er ist nur 58 Jahre alt geworden. 2019 sind auch 70 Jahre seit der Veröffentlichung des autobiographischen Werkes: «Auf überwachsenen Pfaden» von K. Hamsun vergangen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war K. Hamsun bereits 90 Jahre alt. Im Folgenden werde ich die beiden Autoren in Form einer kurzen Auflistung (32 Stichpunkte) miteinander vergleichen. Nicht unerwähnt soll dabei die Bedeutung Wiens für beide sein.

 

Thomas Bernhard schreibt in seinem autobiographischen Roman «Atem» (1978), dass er, als er jung war, auch «Hunger» (1890) von Hamsun gelesen hat. Darüber hinaus findet Hamsun in seinen vielen Schriftsteller- und Künstlerempfehlungen kaum Erwähnung.

 

Zusammenfassung:

Alle Bücher von Hamsun – mit einigen Ausnahmen – habe ich gern gelesen, obwohl Knut Hamsun mit dem Nationalsozialismus sympathisierte. Dem gegenüber steht Thomas Bernhard mit seiner hinlänglich objektiven politischen Meinung und Kritik am Nationalsozialismus, diesen als menschenverachtende und verabscheuungswürdige Ideologie zu sehen. Diesem – seinem Standpunkt – schließe ich mich voll und ganz – und damit wohl auch die Mehrheit seiner Leser – an. Aber ehrlich gesagt, fiel keines seiner Bücher in die Sparte der von mir gern gelesenen Lektüre. (Schlicht und einfach gesagt, missfielen mir die meisten seiner Bücher).

Textausschnitt eines Typoskripts zu «Frost». Das Thomas Bernhard Archiv.

Trotzdem muss ich anmerken, dass mir einige schrifttechnische Feinheiten in seinen Arbeiten aufgefallen sind, nach denen die meisten Autoren auf der Suche sind. Gerade diese Feinheiten machen wohl deshalb sein autobiographisches fünfbändiges Werk aus den 70-er Jahren zum gröβten Teil so aufregend interessant.

Die ideologische Literaturkritik ist nicht mein Fachgebiet – oder vorsichtig gesagt – hat ihre Schwächen. So nehme ich an, dass die überwiegende Mehrheit der Romanleser sowie meine Wenigkeit offenbar einen größeren Wert auf mehr ersichtlichere, angenehmere Dinge beim Lesen dieser Romane legen.

„August und Edevart“. Auszug aus dem norweg. Spielfilm «Die Landstreicher», erschienen im Jahre 1989. Basierend auf Knut Hamsuns gleichnamigen Roman des Jahres 1927.

Während Thomas Bernhard seine Erzählungen meist in einem klaustrophobischen und mit Phobie gefüllten Universum, mit seiner „monomanen“, mehr oder weniger vertrauten und privaten Verachtung – ja, fast Hass gegen alles und jeden (mit wenigen Ausnahmen) spielen lässt, so basieren die Handlungen in Hamsuns Romanen auf einem breiten Spektrum geschichtlicher Ereignisse, Gefühlen, Widersprüchen und Stimmungen – und nicht zuletzt- auf die von den Menschen und deren eigensinnigen und sogar widersprüchlichen Persönlichkeiten reflektierend in ihren eigenen Erzählerperspektiven. Durch seinen ganz besonderen Humor und die Fülle seiner polyphonen Erzählkunst wirken gerade dadurch Hamsuns Erzählungen so lebendig.

Und wo die besten Werke Hamsuns mit Menschen aus Fleisch und Blut gefüllt sind, sowie auf „Gut und Böse“ basieren, verfällt Bernhard in den schlimmsten Momenten seiner Schreibkunst leicht der infantilisierten und geschlechtsneutralen Kunst und in die künstlerische Prosa der Art, in der die Welt in zwei Lager geteilt wird: Auf der einen Seite beschreibt er das Scheitern der Künstler als Versager ohne ein Recht auf das Leben und auf der anderen Seite den genialen Erfolg der Anderen (den Schriftsteller Bernhard dabei selbstverständlich eingeschlossen). Die Letztgenannten sind eine Art von künstlerischen “Herrschaften“. Es sind Menschen, die ihre eigene Identität sogar vor ihren Freunden und Bekannten verlieren. Es ist aussichtslos sich davor zu schützen, auch wenn man so dumm sein würde, es zu versuchen.

«Alte Meister» (1985, norweg. Ausgabe: „Gamle mestere“, 1991).

Dadurch, dass Thomas Bernhard den Nationalsozialismus und den österreichischen Katholizismus, die er beide in seiner Welt gleichstellt, verstärkt hasst und verdammt, wird er kein größerer oder bedeutenderer Schriftsteller. Vielleicht verliert er damit eher an Anerkennung. In Bernhards letztem Roman, „Die alten Meister» von 1985 (erschienen in Norwegisch im Jahre 1991) ist sein Kunstempfinden meiner Meinung nach ziemlich identisch mit der Kunstideologie des Nationalsozialismus. Dies könnte man unter folgendem Aspekt belegen: Die Kunst auf den Gebieten der Malerei, der Musik oder der Literatur, die von Amateuren und „degenerierten“ Künstlern stammen, sind für Bernhard einfach „Müll“. Seine Einstellung kommt der Beschreibung des Begriffes „der entarteten Kunst“ nahe, der von den Nationalsozialisten eingeführt und oft zu dieser Zeit verwendet wurde. Zu beachten ist aber, dass Bernhard in seinem Roman davor warnt, Österreich als «das politische Sprachrohr» zu sehen, da die Österreicher mit großer Wahrscheinlichkeit „die gefährlichsten Menschen, die auf der Welt existieren, sind», auch sind sie „viel gefährlicher als die Deutschen. Das hätte die Geschichte schon bewiesen“ Möglich, dass der Verfasser selbst hier ein Paradoxon sieht, das er hier abliefert.

In diesem Zusammenhang hilft es noch weniger, sich Knut Hamsuns offizielle Aussage vorzustellen, die da lautet, dass er Hitler „in seinem Herzen hat“, alles verachtet was englisch und jüdisch ist, sowie all „diese Yankees“ (kurze Zusammenfassung seiner Äußerungen der Schriftwerke aus den 60-70-er Jahre). Natürlich wird das am Deutlichsten, wenn man sich als Leser vorstellt, zu dieser Zeit und unter diesen zeitgeistlichen Umständen des vorherrschenden Regimes gelebt zu haben. Hamsun selbst verbleibt an der Spitze des Genres der internationalen Literaturgeschichte. Bernhard dagegen ist, meiner Meinung nach, literaturmäßig in einer weit niedrigeren Sphäre anzusiedeln. Bei einigen seiner Werke hätten seine Verleger wohl eine Überarbeitung/Bearbeitung/Schnitt verlangen sollen, oder sogar einer Veröffentlichung nicht zustimmen sollen.

Dag Solstad – einer der größten, noch lebenden Autoren Norwegens. Wurde er erst berühmt, als er anfing Thomas Bernhard zu kopieren?

Da seine Sprache fast jeden Leser anspricht, wird Hamsun oft auch als «Jedermann-Autor» bezeichnet. Dem schließen sich auch seine Schriftstellerkollegen an. Hingegen bekommt Bernhard besonders von seinen männlichen Schriftstellerkollegen die Bezeichnung “Autor der Autoren“ verliehen. Meiner Meinung nach wurden die norwegischen Autoren Dag Solstad, Knausgård, Thure Erik Lund, Trude Marstein und Jon Fosse von Bernhard beeinflusst? Da ich mich mit ihren Werken nicht sehr intensiv beschäftigt habe, kann das wirklich nur meine rein subjektive Meinung sein. Möglich, dass die späteren Werke von Dag Solstad als „norwegischer Thomas-Bernhard-Klon“ dem am nächsten kommen.

Hier kommen die 31 andere Stichpunkte der Gegenüberstellung von Bernhard und Hamsun:

Bernhards autobiographische Texte – Kindheit, 1975-1982.

1. Zwei bedeutende Autoren mit Veröffentlichungen in vielen Genres (mit etwa 30-40 Veröffentlichungen). Der Weg dorthin führte beide von der „Paria“ oder der untersten Gesellschaftsschicht (Armutsschicht) zum „Welterfolg». Beide wurden als Kinder abgelehnt oder verbannt, zusätzlich waren sie körperlichen Misshandlungen/Strafen in der Familie ausgesetzt. Dies prägte ihre Persönlichkeit und ihre Schriftwerke.

2. Bernhard beginnt seine literarische Karriere ungefähr zur selben Zeit wie Hamsun seine abschließt. Sie arbeiteten beide eine kurze Zeit als Journalisten, obwohl sie keine Ausbildung auf diesem Gebiet erhielten. Die Schauspielerei zog beide magisch an. Sie versuchten sich auch auf diesem Gebiet, aber leider mit wenig Erfolg. Wenn man bedenkt, dass sie die Schule abbrachen bzw. erst gar nicht besuchten, konnten sie diese Erfolge nur durch harte Selbstdisziplin und einem festen Willen erreichen.

3. Diese ständige und unermüdliche harte Arbeit prägte ihr ganzes weiteres Leben und ist wahrscheinlich bedingt durch ihre grenzenlose Liebe zur Kunst. Sie gipfelte in einen doch recht ungesunden Narzissmus und der Verachtung anderer Menschen. Zu beachten ist jedoch, dass diesem Narzissmus ihre besten Literaturwerke entspringen. Beide scheinen einmal mehr bereit zu sein, „über Leichen zu gehen», um sich als Künstler verwirklichen zu können.

Per Oscarsson – als der kämpfende Schriftsteller in Hamsuns «Hunger» (Regie: Henning Carlsen, 1966). Foto: Koba

4. Beide stehen offensichtlich unter einem starken Einfluss des Ungerechtigkeits-Sammler-Syndroms (Injustice Collector Syndrome), das durch die „klagende» Opferrolle, ein ständig wiederkehrendes Thema, in der die Ansammlung von „Ungerechtigkeiten» eine wesentliche Rolle spielt, gekennzeichnet wird. Sie führen sich nur selten als «Mimofanten» auf. Es mangelt ihnen an sozialer Kompetenz. Bei ihnen kommt es sogar zum Bruch mit sozialen Richtlinien bis hin zu deren vollständiger Ablehnung. Das ruft selbstverständlich ihre wachsende soziale Isolierung hervor. Lassen wir sie eine Art von „Opfer-der Rhetorik-Meister“ nennen, auch im positiven Sinne. Dieser Einfluss ist vielleicht am besten zu Beginn und in den letzten Veröffentlichungen von Hamsun und in seinen Briefen zu erkennen. Bei Bernhard zieht sich die Opferrollenproblematik durch seine gesamten Werke.

Mutter und Kind. 1937. Bernhards Mutter, Herta (1904-1950). Sein Vater Alois Zuckerstätter (1905-1940), den Thomas Bernhard nie kennengelernt hat.

5. Ihre mehr oder weniger problematischen Beziehungen zu Frauen scheint wohl ein offener (für Bernhard) oder „unterschwelliger“ Mutterhass zugrunde zu liegen. Bzgl. Hamsun beziehen sich „Amy van Markens“ Theorien darauf. Beide Autoren äußern sich auch in einem krassen Meinungsausbruch gegen all das, was sie als Misshandlung von Kindern wahrnehmen. Ansonsten schreiben Sie im Falle von Hamsun erstaunlich wenig über Kinder. Beide Autoren beschreiben ihre Anziehungskraft auf Friedhöfe im Kindheitsalter.

6. Beide sind bewegt von der romantischen Lyrik in einer Lebensperiode. Das spiegelt sich in Form eines sentimentalen Zuges als eines ihrer wesentliches Persönlichkeitsmerkmale wider. In ihren früheren Werken nehmen sie eine Einstellung an, die in eine „Klage an Gott“ gipfelt.

Hamsun hatte viele verschiedene Geldgeber.Bernhard dagegen hatte eine treue Seele sein ganzes Leben lang, Hedwig Stavianicek (1894-1984). „Sie war für mich das Zurückhaltende, das Disziplinierende. Andererseits auch das Weltaufmachende.“

7. Beide sind in der Lage, alles zu unternehmen, nur um Geld zu beschaffen, – ja, sie scheuen sich nicht davor, um bzw. auf Kosten anderer zu leben, bzw. für sie „nützliche“ Menschen auszubeuten. Die Kontakte mit ihren Verlagen sind voller Konflikte – bis hin zu einer Art Erpressung nur um weitere Geldquellen aufzutun.

8. Beide sind Meister darin sich selbst, ihre Vergangenheit, ihre Kindheit etc. zu inszenieren. Dabei setzen sie sich selbst in Szene als brillante Künstler, bevor ihre genialen Werke erst erschienen. Sie erfinden „Skandale“, um den Erfolg ihrer Bücher zu beschleunigen. Es mangelt ihnen nicht an selbst erfundenen Mythen über das eigene Leben.

9. Beide meistern die übertriebene Schreibkunst (hyperbolische Sprache), und das mit einem Arsenal an abwertenden Bemerkungen über andere Menschen, vor allem Künstler und «Konkurrenten». Hamsun hat drei der «großen Vier» dabei erwähnt. Bernhard schrieb zum Beispiel über Thomas Mann und Robert Musil, dass sie eine «klein-bürgerliche Funktionärsliteratur» verkörpern. Stilistisch versuchten sich, Hamsun wie auch Bernhard, vor allem mit der indirekten Rede oder in Form eines Ich-Erzählers als Merkmal ihrer Prosa. An dieser Stelle sollten Hamsuns seltsame, „dass“- Aussagen erwähnt werden, die er einsetzt, um die Verballhornung der Präsentation zu fördern. Bernhards lange und rhythmische Phrasen heben besonders die Musikalität der Sprache hervor.

10. Während Hamsun in seinen Werken Dutzende einzigartige literarische Figuren und Persönlichkeiten lebendig werden lässt, wirkt die „Personengalerie“ von Bernhard mehr als eine einfache Requisitenkammer. Man könnte sogar meinen, dass seine Personen seine eigene private Leidensgeschichte in verschiedenen Variationen immer und immer wieder reflektieren. Sodass die immer wiederkehrende Vorstellung von Bernhards Personen aus der „Requisitenkammer des Staates Österreichs“ wohl eher unfreiwillig komisch, als ernst zu wirken scheint.

11. Beide Schriftsteller sehnen sich wohl nach der «aristokratischen Oberklasse». Bei Bernhard kann man diese Sehnsüchte nur versteckt wahrnehmen, hingegen treten sie bei Hamsun offener zu Tage. Die Größenwahnvorstellung des eigenen Genies, aber auch des eigenen Versagens, geht bei beiden einher. Das Letztere nimmt aber im Laufe der Jahre immer mehr ab. Sie bleiben in vielerlei Hinsicht in ihrer eigener Fantasiewelt und dessen Vorstellungen. Paradox erscheint dabei, dass die Verachtung gegenüber der Literatur, des Lesens und gegenüber Büchern im Allgemeinen, mit dem eigenen Ruhm der Verfasser zu wachsen scheint.

Thomas Bernhards Haus in Obernathal, 4694 Ohlsdorf, Österreich.

12. Beide verwendeten in ihrem Leben viel Zeit zum Bau oder auch zur Restaurierung von Haus und Hof. Anzumerken ist, dass beide aus Familien kommen, die den größten Albtraum erlebten, in dem sie ihr Haus und Gut verloren haben. Damit fielen sie in die unterste Gesellschaftsklasse und erlebten die totale Armut.

13. Sie schrieben schnell und veröffentlichten viel. Bernhard vielleicht ein wenig zu schnell. Und beide scheinen davon manisch besessen zu sein, ihre eigene Karriere unter dem Gesichtspunkt des einsamen, leidenden und genialen Schriftstellers bestritten zu haben.

14. Beide sind viel unterwegs – das Reisen ist für sie bedeutsam, sogar die Flucht. Auch scheint es, dass das gerade ihre Produktivität als Schriftsteller erhöht hat.

Haus „Maurbakken“ in Drøbak (Norwegen), das direkt nach dem Aufenthalt in Ås (Region Follo) in den 1890-ern nach den Entwürfen von Hamsun selbst, erbaut wurde. Zu bemerken ist, dass Bergljot und seine Tochter aus der ersten Ehe, plötzlich gleich nach dem Einzug ausgezogen sind.

15. Beide verfassen lange und ausschweifende Anschuldigungen gegen das Schulsystem, gegenüber Wissenschaftlern, Pädagogen, etc. Damit auch gegen die, die ihnen das Lesen und Schreiben gelehrt haben. Und trotz ihrer sprachlichen Brillanz (in ihrer Muttersprache), hatte zumindest Hamsun Probleme mit dem Englischen, obwohl er sich in Amerika für einen längeren Zeitraum aufhielt. Er erwähnte hier als Grund, dass er wohl nie die Grammatik wirklich gelernt hat. Auch die französische Sprache in Paris musste er aufgeben. Bernhard dagegen behauptet, dass er sowohl englische als französische Zeitungen im Café Sacher in Wien lesen kann. Es stellt sich die Frage, ob er hier nicht die Wirklichkeit verdreht hat. Das wäre ihm als Schriftseller gut zu zutrauen.

16. Beide sind vom Nationalsozialismus besessen – der eine ist stark von dieser Ideologie eingenommen, der andere extrem dagegen. Aber beide zeigen in ihren «schlimmsten Momenten», die gleiche tiefe menschliche Verachtung und den gleichen Mangel an grundlegender Empathie, die die typischen Merkmale des Nationalsozialismus darstellen.

17. Beide sind literarische Stil-Erfinder. Besonders dafür werden sie von ihrem Publikum und ihren Lesern gelobt. Viele haben versucht sie zu kopieren, aber Berichten zufolge, ist es niemanden so gut gelungen.

«Der Philosoph der Künstler» Arthur Schopenhauer und sein Werk «Parerga und Paralipomena» aus dem Jahre 1851 inspirierten beide Autoren. Es stellte ein wichtiges Repertoires der Lieblingsliteratur beider Autoren dar.

18. Beide sind besessen von der Philosophie Schopenhauers, die dieser in seinem Werk: „Von der Nichtigkeit und des Leiden des Lebens“ erläuterte. Seine Darstellung des Pessimismus, der Misogynie und damit die Erhöhung der Kunst, spricht sie dabei besonders an.

19. Beide erkrankten an einer Lungenkrankheit, die ihnen den Gedanken an den Tod als eine notwendige Möglichkeit „vor der abgelaufenen Zeit“ näher brachte. Hamsun war zudem chronischer Hypochonder. Bernhard war die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens chronisch krank. Er litt unter Sarkoidose- (Morbus Boeck), einer Art von Entzündungs- und Immunkrankheit. Es sieht sogar so aus, als ob beide diesen Umstand klug nutzten, um dadurch das Mitleid anderer als ihren Vorteil zu nutzen. Bernhard erwähnt diesen Umstand direkt, während es bei Hamsun nur indirekt in den vielen Briefen zur Sprache kommt.

20. Beide Schriftsteller zeichnen sich durch ihre Hyper-Sensitivität und ihre instabilen Persönlichkeiten aus. Damit isolieren sich zunehmend von der Außenwelt, Freunden und der Familie. Die Hyper-Sensitivität wird dabei nur von ihnen selbst als Erklärung angebracht, denn häufige Wutanfälle und unsachliche Ausbrüche sind ihnen nicht fremd gewesen. Sie gilt dabei auch im sozialen Zusammenspiel mit ihren Nächsten. Am Ende ihres Lebens kommen sie zu einer Art Versöhnung mit sich selbst und ihrem Umfeld – mit den Menschen, die sie brauchten und die sie liebten.

Der Heldenplatz in Wien, Österreich.

21. Die Hofburg in Wien und der Heldenplatz scheinen irgendeine wichtige Rolle im Leben beider Schriftsteller zu spielen, sowohl als politischer und wie auch als literarischer Antrieb. Hamsun war von diesem Ort politisch im Sommer 1943 und Bernhard literarisch im Herbst 1988 beeinflusst worden. Für beide war es auf eine Art und Weise ihr letzter, großer öffentlicher Auftritt als «politische» Autoren. (Dabei müssen wir von Hamsuns Prozess vor dem Sand Gericht im Jahr 1947 absehen, denn dort tauchten fast keine Journalisten auf.)

22. Wien und Kristiania: Hauptstädte, die immer wieder in ihren Texten erwähnt werden – darstellend als Schauplätze ihrer Hass-Liebe, sowie auch ihrer Erfolge und Tiefs.

Uraufführung am 4. November 1988, Wiener Burgtheater,  Themen: Nationalsozialismus und Antisemitismus.

23. Beide schreiben mehrere teilweise erfolgreiche Theaterstücke (Hamsun 6, Bernhard ca. 20).  Als Beispiel kann man Bernhards Skandal Drama «Heldenplatz» dennoch nennen, das seine Uraufführung am 4. November 1988 im Wiener Burgtheater im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag des Anschlusses Österreich hatte. Dieses wurde danach noch fast 120 Mal in den nächsten 10 Jahren aufgeführt. Die Schauspieler, als solche, werden in den von ihnen zur Aufführung gekommenen Theaterstücken oft von beiden Schriftstellern weitgehend lächerlich dargestellt, besonders die Frauen wurden dabei als töricht und albern präsentiert.

24. Beide haben fast ständig ein festes bzw. ein wiederholendes Repertoire an Idiosynkrasie, ein Synonym für Dinge, die sie nicht mögen oder verabscheuen. Erwähnenswert und beispielgebend ist dabei für Hamsun: England, die Schweiz, die Amis und die Juden. Für Bernhard sind es: der Staat Österreich als Requisit- Staat (er erwähnte, dass es „genauso voll mit Nazis in 1988, wie in 1938“ ist), und damit natürlich einschließlich aller seiner Beamte, die Schauspieler am Burgtheater in Wien, etc.. Ethnische Gruppen und Länder werden durch beide ganz allgemein in ihren Abhandlungen beschrieben und fallen damit auch in dieses Repertoire.

25. Darüber hinaus ist ihr Weltbild, das sie befürworten, sehr starr und ziemlich vereinfacht dargestellt – vorsichtig ausgedrückt. Dennoch entwickeln sie es zu einer Art Markenzeichen für die Autorenschaft – und das mit steigendem Marktwert.

Thomas Bernhards Grabstätte, Grinzinger Friedhof, Wien, Österreich.

26. Nach ihrem Tod teilten sich die Meinungen. Manche glaubten zum Beispiel, dass Bernhard als Dichter und Schriftsteller überschätzt wurde. Dies gilt weniger für Hamsun. Ihr umstrittenes Vermächtnis zeigt wieder einmal ihre gut entwickelte Fähigkeit, ihre Umgebung zu schockieren. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang ein nicht-triviales Element, welches man als das «Judas-Sein» in ihrer Persönlichkeit nennen könnte. Bernhards Grabstätte ist mehrmals zerstört bzw. beschmiert worden. Das Errichten eines Denkmals zu Ehren Hamsuns hat eine große Debatte in Norwegen ausgelöst. Die Namensänderung des Platzes „Plata“ beim Osloer Zentralbahnhof zum „Knut Hamsuns Platz“ stieß auf große Kritik unter der Bevölkerung. Schnell wurde dieser als «Landesverräter Hamsun- Platz, demnach als „Schuss in den Rücken“, von der Bevölkerung deklariert.

Nachruf auf A. Hitler. Der alte Hamsun vertrat dabei seine extreme Meinung bis zum Schluss. Nachmittagsausgabe der nazifiserten Zeitung „Aftenposten“ vom 7. Mai 1945, am Vortag der Befreiung Norwegens vom Hitlerregime.

27. Beide haben Sie ein nicht-triviales Element der Härte und der Kompromisslosigkeit in ihrer Persönlichkeit, nennen wir es einfach Mangel an Empathie. Scheinbar ist dieses auch mit ihrem Mangel an Selbst-Erkenntnis und Selbstreflektion verknüpft. Sie haben, natürlich von sich ausgesehen, nie etwas Falsches getan oder etwas getan, was falsch sein könnte. Es scheint, als ob sie wenig bzw. nichts bereuen. Sie bestehen hartnäckig auf ihrer Meinung und ihrem Handeln. Die fast uneinnehmbare Opferrolle ist daher der sicherste Zufluchtsort. Für einige ist „der Weg der Wandlung vom Opfer zum Henker“ überraschend kurz. Für Bernhard und Hamsun war dieser extrem kurz. Es ist vielleicht der Grund, warum damit beide so einen anhaltenden Streit und letztlich Zwietracht unter vielen ihrer Bewunderer entfachten bzw. säten.

28. Beide haben eine nicht übersehende besondere Beziehung zur Lüge als ein Phänomen: Bernhard: «In der letzten Instanz kommt es nur noch auf den Wahrheitsgehalt der Lüge an“. Hamsun: «…, dass die Lüge nicht Schuld war, sondern das Talent «.

«Meine Preise» (post mortem erschienen im Jahr 2009, norweg. Ausgabe. „Mine priser“, 2010) ist wahrscheinlich das am kompromissloseste Buch Bernards:
Zum Beispiel sehen wir in der Beschreibung von Gerhard Fritsch das Jurymitglied, das sich einer Jury nicht entziehen würde – obwohl Thomas Bernhard selbst ihn darum bittet. Bernhard begründet es damit, dass Fritsch als alleiniger Versorger für seine vielen Kinder und seine «drei geldgierigen Frauen» einstehen muss. Fritsch wird nur als abstoßend und bemitleidenswert beschrieben.
Solche Worte ließ er, wie Hamsun, gerne über Menschen fallen, die nicht seiner Meinung waren. Am Ende weist Bernhard dieses harte Urteil des Mannes zurück – und das völlig vorbehaltslos: «Nicht lange nach dieser Unterhaltung hängte Fritsch sich an einem Haken an seiner Haustür auf. Sein Leben, das er selbst gewählt hat, ist ihm über den Kopf gewachsen und hat ihn zu dieser Tat gedrängt.» Es scheint fast so, als ob man gerne hier einen Kommentar hinzufügen möchte: Wie beschreibe ich nur einen, der seinen eigenen «inneren Nazi» loswerden will.

29. Beide haben Mythen über sich selbst erschaffen, und damit erstellten sie eine Assoziation zu den biblischen Erzählungen bzgl. der Aussetzung von Kindern. Hamsun: «Als nun ein Mann auf dem Meer geboren wurde». Bernhard schreibt direkt, dass er seine ersten Jahre auf dem Meer als sogenannter „Meeres-Mensch» verbracht hat. Diese «Vertreibung aus dem Paradies», was man mit dem Elternhaus oder der Heimat gleichsetzen könnte, sind für Hamsun und Bernhard insbesondere die Mutterliebe und deren Sicherheit. Dies ist psychologisch interessant. Wenn man das Geschaffene eines Künstlers als dessen „Heilungsprozess von etwas schon Zerstörtem» sieht, könnte man dieses der Freud‘schen Theorie zuordnen.

30. Besonders am Ende ihres Lebens, waren sowohl Bernhard als auch Hamsun voller Ablehnung ihres eigenen Landes. Hamsuns Schicksal kennen wir. Bernhard schreibt in seinem Testament im Februar 1989, kurz bevor er stirbt, folgendes: » Ausdrücklich betone ich, dass ich mit dem österreichischen Staat nicht zu tun haben will » und weiter: «und für die Zukunft untersage ich, jegliche Einmischung oder sowohl Annährung des österreichischen Staates bzgl. meiner Person und meiner Arbeit. Nach meinem Tod darf kein Wort publiziert werden, dass eventuell nach mir verfasst wurde, eingeschlossen sind dabei Briefe und Notizen.»

Hamsun und Marie – Unterm Goldregen auf Nørholm – Nachkriegszeit.

31. Man findet in Bernhards Werken einige Bezüge auf Hamsun. Es gibt eine kleine Geschichte mit dem Titel «Hamsun», welche von Bernhard verfasst wurde. Sie erzählt von einem Norweger, den Bernhard (oder «wir») an einem Ort in der Nähe von Oslo getroffen hat. Nach den Erzählungen dieses Mannes, hat er Hamsun im Altersheim am Ende seines Lebens gepflegt. – Er war auch der Letzte am Bett von Hamsun, als dieser starb. Er hat ihm sogar das Leichentuch über das Gesicht gezogen – ohne aber wirklich zu wissen, wer der Schriftsteller Knut Hamsun war! – In Wirklichkeit aber starb Hamsun bei sich zuhause im Kreise seiner Familie. Trotzdem war wohl die Geschichte dieses Mannes fesselnd genug, um diese zu erzählen. Bernhard schreibt in seinem autobiographischen Roman «Atem» (1978), dass er, als er jung war, auch «Hunger» (1890) von Hamsun gelesen hat. Darüber hinaus findet Hamsun in seinen vielen Schriftsteller- und Künstlerempfehlungen kaum Erwähnung.

 

 

 

Übersetzung: Susanne Marioara

 

 

 


 

Literatur:

 

Von Bernhard:

  • Gehen (1971, norsk overs. Gå, 2003)
  • Die Ursache (1975, norsk overs. Årsaken, 1996)
  • Der Keller (1976, norsk overs. Kjelleren, 1996)
  • Der Atem (1978, norsk overs. Pusten, 1997)
  • Ja (1978, norsk overs. Ja, 2003)
  • Die Kälte (1981, norsk overs. Kulden, 1997)
  • Beton (1982, norsk overs. Betong, 1985)
  • Ein Kind (1982, norsk overs. Et barn, 1995)
  • Wittgensteins Neffe (1982, norsk overs. Wittgensteins nevø, 1989)
  • Der Untergeher (1983, norsk overs. Havaristen, 1994)
  • Der Theatermacher (1984, norsk overs. Teatermakeren, skuespill, 2001)
  • Holzfällen (1984, norsk overs. Trær som faller, 1990)
  • Alte Meister (1985, norsk overs. Gamle mestere, 1991)
  • Auslöschung (1986, norsk overs. Utslettelse, 1992)
  • Einfach kompliziert (1986, norsk overs. Ganske enkelt komplisert, skuespill, 2001)
  • Erzählungen (1988)
  • Meine Preise (post mortem 2009, norsk overs. Mine priser, 2010)

 

Über Bernhard:

  • Höller, Hans: Thomas Bernhard dargestellt von Hans Höller (1993, norsk overs. Thomas Bernhard. Et liv1996)
  • Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. Eine Biographie (2015)
  • Mittermayer, Manfred: Das Salzburg des Thomas Bernhard (2017)

 

Über Hamsun:

Rem, Tore: Knut Hamsun. Reisen til Hitler (2014)

 

Webseiten: https://www.dagbladet.no/kultur/thomas-bernhard-blir-hentet-ned-fra-sokkelen/62953595

Auch Wikpedia und YouTube und private Bilder/Videos aus Wien. Die Bilder habe ich sonst meistens aus dem Internet heruntergeladen.

 


 

Teil 2: Thomas Bernhard (1931-1989) vs Knut Hamsun (1859-1952), del 2 – Wien

 

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